Weißstängeligkeit / Kleekrebs
Bedeutung
Weißstängeligkeit (Sclerotinia sclerotiorum) und Kleekrebs (Sclerotinia trifoliorum) sind in Ackerbohnenbeständen weltweit verbreitet. Im Unterschied zu Erbsen, Raps oder Soja sind bei der Ackerbohne jedoch zwei verschiedene Sclerotinia-Arten von Bedeutung, die sich in ihrer Biologie und ihrem Infektionsweg deutlich unterscheiden:
Sclerotinia trifoliorum (Kleekrebs, Stängelfäule): Dies ist der primäre Sclerotinia-Erreger an Winterackerbohnen in Europa. Er befällt vorrangig Leguminosen – darunter Klee, Luzerne, Ackerbohne und Kichererbse – und infiziert die Pflanzen über myzeliogen keimende Sklerotien im Boden, nicht über Askosporen. Die Infektion erfolgt deshalb an der Stängelbasis, nahe der Bodenoberfläche.
Sclerotinia sclerotiorum (Weißstängeligkeit): Das aus dem Raps- und Erbsenanbau bekannte Breitbandpathogen mit über 600 Wirtspflanzen kann grundsätzlich auch Ackerbohnen befallen. Laut der Forschungsorganisation der Verarbeiter und Erzeuger (Processors and Growers Research Organisation, PGRO, UK) ist eine Infektion an Sommerackerbohnen jedoch sehr selten. Winterackerbohnen gelten als nicht anfällig für S. sclerotiorum und können daher auf mit diesem Erreger belasteten Flächen sogar als Rotationskultur eingesetzt werden.
Die wirtschaftliche Bedeutung beider Arten ist stark wetterabhängig. Feldversuche zeigen im Freiland typischerweise eine Befallshäufigkeit unter 4 %, während unter kontrollierten Laborbedingungen Infektionsraten von bis zu 95 % erreicht werden können. Generell können Ertragsausfälle durch Sclerotinia-Arten in Körnerleguminosen im Extremfall über 50 % betragen, bleiben bei Ackerbohnen im Regelfall jedoch moderat.
Symptomatik
Sclerotinia trifoliorum (Winterackerbohne)
Die Primärinfektion erfolgt im Herbst und Winter über myzeliogen keimende Sklerotien im Boden. Die Apothecienbildung im Freiland findet typischerweise zwischen November und Januar statt – deutlich früher als bei S. sclerotiorum. Das Myzel breitet sich von der Stängelbasis aus, wo wassergetränkte Läsionen entstehen, die bereits vor dem Blühbeginn sichtbar sein können. Im weiteren Verlauf sterben befallene Pflanzen von der Basis aufwärts ab.
Charakteristische Merkmale:
- Wassergetränkte, weiche Läsionen an der Stängelbasis nahe der Bodenoberfläche
- Weißes, watteartiges Pilzmyzel, zunächst im Stängelinneren, dann nach außen durchbrechend
- Schwarze Sklerotien (2–15 mm) auf der Stängeloberfläche und im Hohlraum des Stängels
- Absterben der Pflanze von unten; bei dichtem Bestand Übergreifen von Pflanze zu Pflanze möglich
Sclerotinia sclerotiorum (Sommerackerbohne)
Das Schadbild entspricht im Wesentlichen dem bei Erbsen bekannten Erscheinungsbild: Sekundärinfektionen über Askosporen, beige bis weißgraue Läsionen mit unscharfen Rändern an Stängeln und Seitentrieben, weißes Pilzmyzel sowie schwarze Sklerotien im Stängelinneren. Der Infektionsdruck steigt mit der Befallshistorie der Fläche durch andere Wirtspflanzen (Raps, Erbse, Soja).
Verwechslungsgefahr: Die Symptome können leicht mit Grauschimmel (Botrytis fabae / Botrytis cinerea) oder Fußkrankheiten (Fusarium spp.) verwechselt werden. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal sind die namensgebenden schwarzen Sklerotien, die bei Sclerotinia stets vorhanden sind.
Sortenresistenz
Züchtungsforschung zu Sclerotinia-Resistenz bei der Ackerbohne konzentriert sich hauptsächlich auf S. trifoliorum. Studien zeigen eine signifikante Variabilität zwischen Sorten und Herkünften:
- Bewertungen an 23 europäischen Sorten, 18 Akzessionen des ICARDA (International Center for Agricultural Research in the Dry Areas – ein internationales Agrarforschungszentrum für Trockengebiete mit Sitz im Libanon), 5 kanadischen Sorten sowie 58 griechischen Populationen identifizierten 7 Sorten und 15 lokale Populationen mit akzeptablem Resistenzniveau (≤ 1,50 auf einer Skala von 0–3)
- Keine kommerziell verfügbaren resistenten Sorten – Züchtungsprogramme laufen (u. a. ICARDA, europäische Züchter)
- Die Resistenz ist partiell und quantitativ vererbt; Heritabilitätsschätzungen liegen zwischen 0,07 und 0,27
- Pilzisolate unterscheiden sich in ihrer Virulenz; für eine zuverlässige Resistenzprüfung sind daher mehrere Isolate erforderlich
Bekämpfung im biologischen Anbau
Da keine resistenten Sorten verfügbar sind und chemische Direktbekämpfung im Ökolandbau nicht infrage kommt, stehen ausschließlich präventive und kulturtechnische Maßnahmen zur Verfügung.
Fruchtfolge
- Weite Fruchtfolgeabstände von mindestens 5–7 Jahren zu Ackerbohnen und weiteren Wirtspflanzen (Erbse, Klee, Luzerne, Raps, Lupine, Soja, Sonnenblume) einhalten
- Winterackerbohnen können auf Flächen mit hohem S. sclerotiorum-Druck als Rotationskultur genutzt werden, da sie von diesem Erreger nicht befallen werden
- Sklerotien können im Boden 5–10 Jahre überdauern; eine einmal belastete Fläche bleibt daher langfristig relevant
Anbautechnik
- Angepasste, nicht zu hohe Saatstärke zur Verbesserung der Bestandsdurchlüftung und Reduzierung der Bestandsfeuchte
- Standortwahl: feuchte Senken, Waldränder und windgeschützte Lagen mit hoher Luftfeuchtigkeit meiden
- Ausschließlich gesundes, zertifiziertes Saatgut verwenden; Erntegut von befallenen Flächen nicht für den Nachbau nutzen
- Pflugbasierte Bodenbearbeitung kann Sklerotien in tiefere Bodenschichten verlagern und damit die carpogene Keimung (Apothecienbildung) reduzieren
Biologische Bekämpfung
- Einsatz des Hyperparasiten Coniothyrium minitans (z. B. Contans WG): parasitiert Sklerotien im Boden vor der Apothecienbildung; siehe LeguNet Pflanzenschutzempfehlungen
- Förderung einer biologisch aktiven Bodenstruktur durch organische Düngung kann die Aktivität natürlicher Antagonisten unterstützen
Text: Gerlind Hammann
Zum Weiterlesen
Die folgenden Hinweise sind keine vollständige Literaturliste im klassischen Sinn, sondern eine Auswahl an Quellen, die sich für die Vertiefung einzelner Aspekte lohnen.
Praxisnahe Übersichten und Beratungsmaterial
Processors and Growers Research Organisation: PGRO – Pests and Diseases: Faba Bean – Übersicht zu Krankheiten der Ackerbohne, mit Bildmaterial zur Symptomabgrenzung (Englisch), www.pgro.org/growing-field-beans/
Processors and Growers Research Organisation: bekämpfungsorientiertes Factsheet, primär zu Erbsen/Bohnen, methodisch auf die Ackerbohne übertragbar (Englisch), www.pgro.org/downloads/Managementofsclerotiniainviningpeasandgreenbeans.pdf
Australische Regierung: Praxisratgeber mit Bekämpfungsempfehlungen (Englisch), Tips and Tactics: Managing Faba Bean Diseases
Bundesprogramm Ökologischer Landbau: Weißstängeligkeit (Sclerotinia sclerotiorum) – deutschsprachige Einordnung mit Bezug zum Ökolandbau
BASF Schaderreger-Lexikon – Sclerotinia sclerotiorum – kompaktes Nachschlagewerk mit Bildmaterial
Pflanzenschutzhinweise
(LeguNet)-Pflanzenschutzhinweise Hülsenfrüchte
Weitere Informationen zu aktuellen Zulassungen und Anwendungsbestimmungen sind in der Online-Datenbank des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit verfügbar: https://psm-zulassung.bvl.bund.de/psm/jsp/